"Musharraf wagt nicht, gegen Islamisten vorzugehen" Frankfurter Allgemeine Zeitung
23. Juli 2002
von Anna J. TreuPakistan hat mit amerikanischer Hilfe radikale islamische Gruppen geschaffen, die sich mittlerweile verselbständigt haben, sagt der pakistanische Autor und Publizist Tariq Ali im FAZ.NET-Gespräch. Seit Präsident Musharraf im Krieg gegen Terror mit Washington gemeinsame Sache macht, sei sein Regime zum Feind der Islamisten geworden. Für einen erfolgreichen Kampf gegen die Radikalen bräuchte Musharraf den Rückhalt der Armee, die aber sei von Islamisten unterwandert.
Wie erklären Sie das derzeitige Ausmaß der politischen Gewalt in Pakistan?
Die meisten Taliban und Al-Qaida-Kämpfer, sowie ihre Unterstützer sind jetzt zurück in Pakistan und entschlossen, das Regime von Präsident Pervez Musharraf zu bestrafen. Sie betrachten ihn als Verräter, der sie an Amerika verkauft hat. Deshalb versuchen sie, Pakistan zu destabilisieren. Sie sind bewaffnet und fordern den General heraus. Ihr Kalkül ist, dass es für den Fall, dass Musharraf versuchen sollte, sie zu bekämpfen, eine Rebellion in der Armee gibt.
Bis zu welchem Grad sind in Pakistan der Regierungsapparat und die Armee von radikalen Muslimen unterwandert?
Der Großteil der Bevölkerung ist nicht fundamentalistisch, sie haben für die Radikalen keinerlei Sympathien. Im pakistanischen Geheimdienst ISI ist die Infiltration sehr hoch. Der ISI war es auch, der Gruppen wie die Taliban geschaffen hat. Von der Armee ist zwar allgemein bekannt, dass sie unterwandert ist, aber niemand kann sagen, bis zu welchem Grad und auf welchen Ebenen. Diese Frage wird heftig diskutiert, aber letztlich kann sie niemand beantworten.
Glauben Sie denn, dass Musharraf in der Lage ist, gegen die Fundamentalisten vorzugehen?
Musharraf hat meiner Ansicht nach bisher keinen ernsthaften Versuch in diese Richtung gemacht. Die Regierung weiß, wer diese Gruppen sind, sie kennen ihre Mitglieder, sie wissen, wo ihre Waffenlager und ihre Trainigscamps sind. Es dürfte für die Armee eigentlich kein Problem sein, mit diesen Leuten fertig zu werden.
Und warum geschieht dann nichts?
Der General fürchtet die Reaktion innerhalb der Armee. Er befürchtet, dass es in Pakistan zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommt, wenn er gegen die islamischen Radikalen vorgeht. Pakistan hat mit Hilfe der Vereinigten Staaten diese Gruppen geschaffen und sie jahrzehntelang für ihre Zwecke benutzt, sei es in Afghanistan, sei es in Kaschmir. Jetzt hat man die Kontrolle über sie verloren.Wie erklären Sie sich überhaupt den Aufstieg des islamischen Fundamentalismus?
Diese Version des politischen Islam ist in den 80er und 90er Jahren entstanden, unter direkter Beteiligung der Vereinigten Staaten. Sie haben die radikalen Muslime als Bollwerk benutzt, um gegen den Kommunismus, den Nationalismus und alles, was ihren Interessen zuwiderlief, zu kämpfen. Die Amerikaner haben den Fundamentalisten geholfen, diese Gruppen zu zerstören und jetzt sitzen sie da und wissen nicht, was sie mit den Fundamentalisten tun sollen.
Können die Vereinigten Staaten jetzt noch etwas tun, um ihre Fehler auszubügeln?
Wenn die Vereinigten Staaten den Zustrom von Unterstützern für die radikalen Gruppen stoppen wollen, müssen sie Druck auf Israel ausüben, damit es sich dauerhaft aus den palästinensischen Gebieten zurückzieht. Die Palästinenser brauchen einen eigenen Staat. Das wäre ein guter Anfang. Was ich als totales Desaster betrachte, ist die einseitig pro-israelische Einstellung der Regierung Bush. Sie haben Ariel Scharon erlaubt, den Krieg gegen Terror dazu zu benutzen, die Palästinenser niederzuwerfen. Das wird meiner Meinung nach schwerwiegende Konsequenzen haben.
Ein positives Signal wäre es auch, die Sanktionen gegen den Irak aufzuheben. Außerdem sollte Washington die saudiarabische Herrscherfamilie dazu bewegen, demokratische Freiheiten in ihrem Land zu erlauben. Das alles zusammen würde Erfolge zeigen. Das Problem des radikalen Islam kann nur politisch, nicht militärisch gelöst werden.
Es gibt aber wenig Hoffnung, dass Washington in Bezug auf den Irak nachgibt...
Ich hoffe, die Amerikaner nehmen Abstand von dem Vorhaben, Saddam Hussein zu stürzen und eine Marionettenregierung einzusetzen. Denn das würde dazu führen, dass der Nahe Osten über kurz oder lang explodiert. Ich denke, viele der pro-amerikanischen Regime in der Region wären dann ernsthaft gefährdet. Und alle, einschließlich Kuweit, appellieren an die Vereinigten Staaten, es nicht zu tun.
Wenn ich allerdings höre, dass Bush der CIA den Auftrag gegeben hat, Saddam Hussein zu liquidieren, braucht man sich über einen Anstieg politischer Gewalt nicht zu wundern. Jeder wird sagen: "Wenn die Amerikaner das machen, können wir es auch". Das sind doch Mafia-Methoden.
Wie beurteilen Sie den amerikanischen "Krieg gegen Terror"?
Was sich im Moment abspielt, ist ein Krieg der Fundamentalismen. Auf der einen Seite der islamische Fundamentalismus und ihm gegenüber die amerikanische Überzeugung, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Ordnung der Vereinigten Staaten könne ein Modell für die ganze Welt sein. Der mächtigste Fundamentalismus, sozusagen die "Mutter aller Fundamentalismen" ist der amerikanische Imperialismus. Dagegen ist der Islamismus im Grunde genommen ein Witz. Es gibt im Moment nur eine Macht auf der Welt und das sind die Vereinigten Staaten. Und Washington interveniert nur da, wo seine eigenen Interessen berührt werden. Afghanistan und der 11. September haben den Vereinigten Staaten den Vorwand geliefert, die Welt nach ihren Vorstellungen neu zu ordnen.
Der pakistanische Publizist und Autor Tariq Ali lebt in London im Exil. In seinem jüngsten, im Diederichs-Verlag erschienenen Werk "Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung" beschreibt er die historischen Wurzeln der aktuellen Krisenherde.